Forderung nach mehr Selbstbestimmung – Freiheit oder Ausbeutungsmechanismus?

Bei dem Thema Lebensführung und Selbstverwirklichung schlummert der Gedanke in uns, es ginge darum, in uns etwas frei zu legen. Diese vermeintlich in uns verankerte, nur verschüttet gegangene Authentizität, müsste nur frei gelegt werden in dem von innerer und äußerer Manipulation eingeklemmten „Ur-Ich“. Die Frage, die sich Christopher Schmidt in der Zeitschrift „Hohe Luft“ stellt, ist mehr als berechtigt: „Wenn es solch ein uneinholbares, bloß verschüttetes Ur-Ich gäbe, wie könnte es dann überhaupt fremd bestimmt werden?“ Es scheint wohl eher so, als würden wir generell einer Projektion unserer Wahrnehmung erliegen. Ob und wie wir unser Ego, unsere Erwartungen, Hoffnungen, die sich daraus ergeben, füttern, entscheidet über die Art unserer Lebensgestaltung und auch über die Frage nach Zufriedenheit und Glück.

Autonomie soll als Konzept unsere Selbstverwirklichung garantieren und wird als Universallösung in allen Bereichen des alltäglichen und beruflichen Lebens angeboten. Unter der Vorstellung von Freiheit durch Autonomie erliegen wir der Illusion, wir könnten abgegrenzt von allen anderen existieren. Wir laufen unserem eigenen Anspruch hinterher, wir selbst zu sein und die nicht erlaubten negative Gefühle ändern zu müssen. Alles in der Vision, Freiheit durch noch mehr Autonomie erringen zu können.

Das Gegenteil ist der Fall.
Alles aus sich rausholen, Selbstbestimmung als Basis von Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsentfaltung lässt Selbstbestimmung zum manipulativen Rohstoff unserer Gesellschaft werden. Selbstbetrug und Erhöhung des Stressfaktors sind die Folge. Das für sich verinnerlichte Ungenügen entwickelt sich zum persönlichkeitsinhärenten kapitalistischen Wettbewerbsgedanken. Nicht Freiheit, sondern kumulierter Stress ist die Folge. Autonomie funktioniert so als perfekter Ausbeutungsmechanismus, da sich der einzelne auf diese Weise auch noch dem Druck seiner eigenen Ansprüche ausliefert. Einsamkeit und Orientierungslosigkeit als Symptome unserer Gesellschaft sind daher sicher nicht mit der Forderung nach noch mehr persönlicher Autonomie zu erreichen.
Auch für Unternehmen hat ein zu viel an Autonomie Konsequenzen. Mitarbeiter, die überfordert sind, selbständig zu arbeiten bringen bessere Leistungen, wenn sie in feste Strukturen eingebunden sind. Präzise Vorgaben und geregelte Zuständigkeiten bieten ihnen die Möglichkeit, sich erfolgreich ins Unternehmen einzugliedern.
Zudem kursiert häufig die absurde Vorstellung, mehr Selbstbestimmung würde etwas über die Qualität eines Jobs aussagen: Viel Selbstbestimmung – toller Job, viel Fremdbestimmung – schlechter Job. Wir alle wissen, dass heutige Personalführung sehr stark von der Methode geprägt ist, Verantwortlichkeiten im Unklaren zu lassen, um mehr Kontrolle und mehr Leistungssteigerungen zu erreichen. So wird insbesondere auch in flachen Hierarchien das Engagement der Mitarbeiter stark ausgereizt. Stresssymptome, burn out, häufige Fluktuation und Probleme bei der Auswahl an Nachwuchskräften sind die Folge.

Auch in unserem demokratischen System sind die Symptome spürbar. Immer deutlicher ist zu erkennen, dass der Staat in vielen Bereichen die Aufgabe der Fremdbestimmung übernimmt, in welchen grundsätzlich die Selbstführung eigenständig denkender und verantwortlich handelnder Menschen notwendig wäre. Die Erziehungsaufgabe jedes einzelnen wird nun vom Staat fremdbestimmt. Veggie-Tage, politische korrekte Sprachregelungen, Rauchmelderpflicht, GPS im Aairbag ab 2015 um nur einige Beispiele zu nennen, zeigen deutlich, wie die Freiheit ins Hintertreffen gerät und Stück für Stück abhanden kommt!

Vielleicht würde es schon helfen, einfach den Gedanken zulassen zu können und uns einzugestehen, dass wir eben nicht frei sind, weil wir in einer Gemeinschaft leben und jeder Mensch bestimmten Abhängigkeiten unterliegt. In bestimmten Punkten Abhängigkeit zu akzeptieren, um in anderen Bereichen Autonomie zu gewinnen, könnte durchaus ein erster Schritt sein:
„Verändere, was zu verändern ist, nimm Dinge hin, die nicht zu ändern sind und gewinne die Einsicht, beides voneinander zu unterscheiden!“